W 1265 - Wolfgang Spickermann - Resonante Selbst-Welt-Beziehungen in sozioreligiösen Praktiken der Antike und Gegenwart

Sprecher: Wolfgang Spickermann

bewilligt: 2017

Universität/Forschungsstätte:

Universität Graz, Partnerinstitution Universität Erfurt, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien (DFG)

wolfgang.spickermann(at)uni-graz.at

Website: https://dk-resonance.uni-graz.at/de/das-doktoratskolleg/


Was haben antike Rituale wie das Aufstellen von Speisen vor Götterbildern oder gemeinsame Bankette mit Verstorbenen mit heutigen Praktiken wie dem Aufstellen von Teddybären für die Opfer eines Amoklaufs oder Hochzeiten atheistischer Paare in Marienkapellen gemeinsam? Sie stellen jeweils ritualisierte sozioreligiöse Praktiken dar, die bedeutsame Beziehungen der Menschen zur Welt, also zu anderen Menschen, Dingen, zur Natur, zum eigenen Selbst, zum Himmel oder zu Gott bzw. Göttern ermöglichen oder ausdrücken. Die Beschaffenheit von Weltbeziehungen sagt viel über die jeweilige Kultur aus, die sie prägt. Sie kann uns einerseits Aufschluss über unser kulturelles Erbe geben und uns andererseits über unsere eigenen Praktiken zur Schaffung resonanter, also antwortender Beziehungen zur Welt aufklären.

Die Fragestellung nach den resonanten Weltbeziehungen steht im Mittelpunkt des interdisziplinären Doktoratskollegs, das die Karl-Franzens-Universität in Graz mit dem Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt durchführt. Mit ihm werden internationale Nachwuchswissenschaftler/innen in Österreich und Deutschland im Rahmen eines gemeinsamen Forschungs- und Studienprogramms in interdisziplinären Projekten ausgebildet, die die Altertumswissenschaften auf der einen Seite und Kultur- und Sozialwissenschaften mit Fokus auf die Gegenwart auf der anderen zusammenbringen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Herangehensweise, die sich den konkreten sozioreligiösen Praktiken als Untersuchungsgegenstand widmet, also die teils eigenartigen Rituale von gestern und heute in den Blick nimmt. Durch diese Herangehensweise kann eine leichtfertige Sichtweise auf Fremdheit als Ausfluss eines polytheistischen Weltbilds vermieden werden und die fremde Kultur in ihrer Eigenart ernst genommen werden. Hier liegt ein Schlüssel zum Verständnis von Unterschieden in kulturellen Systemen und sozialen Ordnungen. Das Resonanzkonzept ermöglicht dabei die Analyse verschiedener Konstellationen von Agency und Kommunikation, des physischen Anderen und der damit verbundenen Transformationsprozesse.

Nach einer ersten Phase (2017–2021), die den heuristischen Ausgangspunkten und einer Anpassung der Theorie der Weltbeziehungen (H. Rosa, 2016) galt, konzentriert sich die zweite Phase auf vier Themen: Wiederholung, wobei die zeitliche Abfolge und Modifikation von Ritualen und die Folgen von Wiederholungen betrachtet werden; Resonanz zweiter Ordnung, die sich durch Verweise auf oder die persönliche oder kulturelle Erinnerung an solche Erfahrungen auszeichnet; Macht, Agency und Resonanz, wobei die Frage des Handelns und Erleidens im Mittelpunkt steht; und die Rolle von Objekten bei der Herstellung dauerhafter Beziehungen.

Die historische und empirische Analyse dieser Themen erfordert eine deskriptive und interpretative Sprache, die Nuancen und Unterschiede in Praxis, Erfahrung und Habitualisierung einfängt und von der qualitativen Forschung sowie kritischer Quellenlektüre, Analysen materieller Kultur und Genderstudies und Exegese geleistet wird. Der relationale Ansatz ermöglicht die Analyse von Weltbeziehungen jenseits der Ebene bloßer Weltbilder, um so die Körperlichkeit von Erfahrung und Objekten jenseits kognitiver Deutungen angemessen zu berücksichtigen.

Unser komplexes Fragen ermöglicht eine gegenseitige Befruchtung, die auf dem Verständnis der Abhängigkeit von Kultur und Religion beruht, der Basis für Selbstverständnis und Toleranzfähigkeit heutiger und antiker Gesellschaften. Die Kombination von Mikrostudien und groß angelegten interkulturellen Vergleichen verspricht neue Einsichten in historische und gegenwärtige Praktiken und kulturellen Wandel.

Sprecher des DKs
Wolfgang Spickermann, Institut für Antike

wolfgang.spickermann(at)uni-graz.at

Website: https://dk-resonance.uni-graz.at/de/das-doktoratskolleg/