Bias im Entscheidungsverfahren – warum beschäftigt sich der FWF damit?

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit unbewussten Vorurteilen (unconscious bias) sind bestehende Ungleichheiten zwischen Forschenden, die sich in der europäischen Wissenschaftslandschaft1 i. d. R. einerseits durch horizontale (Disziplinen: Unterrepräsentation von Frauen in STEM und von Männern2 in Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften) und andererseits durch vertikale Segregation (Unterrepräsentation von Frauen auf höheren Hierarchieebenen) zeigen. Im Forschungssystem (insbesondere in den STEM-Disziplinen) spricht K. E. Grogan 2019 in diesem Zusammenhang von der „Leaky Pipeline“:


Fig. 1: Die Leaky Pipeline von Frauen in STEM, adaptiert nach K. E. Grogan 2019


Das heißt, sowohl im Recruiting von Frauen3 wie bei der Vergabe von Forschungsgeldern werden diese Ungleichheiten sichtbar: Im internationalen Vergleich4 beantragen Frauen seltener und geringere Summen an Forschungsgeldern als ihre männlichen Kollegen und haben oft trotz gleicher Qualifikation eine geringere Erfolgswahrscheinlichkeit.5 Dadurch gehen ein erheblicher Anteil an topqualifizierten/exzellenten Wissenschaftlerinnen und damit verbundene Forschungsergebnisse (Wissen) verloren.

Der FWF möchte als öffentliche Einrichtung eine faire Verteilung von Forschungsgeldern und -förderungen und somit die Stärkung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit und die Förderung wissenschaftlicher Spitzenforschung sicherstellen. Bestehende Entscheidungsprozesse werden daher laufend auf ihre Wirksamkeit und Effektivität reflektiert, evaluiert und angepasst, um zu gewährleisten, dass die Beurteilung von Forschung objektiv und auf Basis des Wettbewerbsprinzips durch internationale Begutachtung erfolgt.

Der FWF konnte 2010 keine systemische Benachteiligung von Antragstellerinnen im eigenen Entscheidungsverfahren (pdf, 223KB) feststellen. Eine multivariate Analyse ergab statistische Hinweise, dass die geringere Bewilligungsquote von Forscherinnen mit den Merkmalen „disziplinäre Herkunft“, „Alter“ und „Selbstantragstellung“ zu tun haben könnte.6 Der Anteil von Projekten, die von Forscherinnen beim FWF beantragt wurden, stieg kontinuierlich auf zuletzt 34,6 % (Monitoring Chancengleichheit).

Unbewusste und bewusste kognitive Verzerrungen (conscious = explicit / unconscious = implicit bias) sind in den letzten Jahren immer mehr ins Licht der Forschung gerückt, nicht zuletzt aufgrund der Arbeiten des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman.7 Seine Forschung zeigt auf, dass Entscheidungen selten aufgrund vermeintlich objektiver bzw. rein rationaler Kriterien getroffen werden. Unbewusste Vorurteile (unconscious = implicit bias) beeinflussen und verzerren Entscheidungsprozesse. Darüber hinaus stehen unbewusste Vorurteile oft im Widerspruch zu formulierten Überzeugungen und Werten. Das Wissenschaftssystem, in dem Messbarkeit und damit verbundene Objektivität zum Leitprinzip der Bewertung herangezogen werden, ist angesichts dieser Erkenntnisse mit Herausforderungen konfrontiert. In der Regel müssen bestehende Vorurteile zunächst bewusst gemacht werden, um Verzerrungen im Prozess erfolgreich entgegenzuwirken.

Der FWF ist sich dieser Herausforderungen bewusst und untersucht aktuell neuerlich die eigenen Entscheidungsverfahren unter anderem in Zusammenarbeit mit dem EU-Projekt GRANteD. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wird das neue Karriereförderungsprogramm ESPRIT mit einem Fokus auf Chancengleichheit und Gender-Bias im Entscheidungsverfahren wissenschaftlich begleitet. Der FWF ist gemeinsam mit anderen europäischen Forschungsfördergeber/inne/n Teil des Stakeholder Committee. Ziel des Projektes ist es, einen möglichen (Gender-)Bias zu identifizieren bzw. letztendlich durch adäquate Verfahrensanpassungen zu verhindern.

Details für Gutachter/innen

Quellen (1)

 

1 European Commission 2018

2 Organisationsleitlinien für eine genderneutrale Sprache, die auch nichtbinäre Personen einschließt, sind derzeit in Ausarbeitung

3 Sheltzer et al. 2014, Dutt et al. 2016, Schmader et al. 2007, Lerchenmueller et al. 2018, Van Dijk et al. 2014

4 European Commission 2018, European Research Council 2018, Van der Lee et al. 2015

5 Hechtman et al. 2018, National Science Foundation 2017, Marsh et al. 2009, Witteman et al. 2018, Kaatz et al. 2016, Sege et al. 2015, Lincoln et al. 2012, Murray et al. 2018

6 Einflussfaktoren auf Bewilligungswahrscheinlichkeiten im FWF-Entscheidungsverfahren. FWF-Einzelprojekte von 1999 bis 2008 | Zenodo

7 Tversky und Kahneman 1974