Der FWF unterstützt transdisziplinäre Teams, die wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxiswissen verbinden. Darunter ein Forschungsprojekt der Technischen Universität Wien, der Universität Salzburg, der Caritas Wien und des Technischen Museums Wien rund um Projektleiterin Sabine Theresia Köszegi (Dritte von rechts). © FWF/Luiza Puiu

Ob Zukunft der Pflege, eine nachhaltigere Fleischproduktion oder neue Therapien bei Parkinson – die neuen #ConnectingMinds-Förderungen machen es gemischten Teams aus Wissenschaft und Praxis möglich, Lösungen für konkrete gesellschaftliche Probleme zu erforschen. In fünf neuen Projekten werden Forschende von Österreichs Universitäten eng mit Expertinnen und Experten von Organisationen wie Caritas, Pro Mente oder Vier Pfoten zusammenarbeiten.

Um den nächsten Generationen Wohlstand, Wohlbefinden und eine intakte Umwelt zu gewähren, wird sich die Art, wie wir leben und wirtschaften, in vielen Bereichen ändern müssen. Das Wissen dazu kommt von der Wissenschaft – aber nicht alleine. Wenn etwa die Expertise aus den Laboren und Forschungseinrichtungen von Beginn an mit dem Know-how aus der Praxis zusammenfließt, können rasch robuste Lösungen entstehen. Transdisziplinär Forschende suchen diese Zusammenarbeit ganz bewusst, um gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten und technische sowie soziale Innovationen anzustoßen. In den #ConnectingMinds-Projekten entwickeln Praktiker/innen ein Forschungsvorhaben von Anfang an mit. Das Besondere daran: Die Vollfinanzierung durch den FWF macht es allen Beteiligten möglich, rein erkenntnisgetrieben und ohne Kofinanzierung seitens eines Projektpartners neue Ansätze zu erforschen. Das gemeinsame Lösen komplexer Fragen von gesellschaftlicher Relevanz und die Förderung kollektiven Lernens stehen im Vordergrund.

Neue Erkenntnisse für ein besseres Leben

„Mit #ConnectingMinds ermutigen wir Forschende, besonders eng mit Expertinnen und Experten aus der Praxis zusammenzuarbeiten, um soziale Innovationen voranzubringen. Das positive Echo zeigt die Bereitschaft vieler Organisationen, sich einzubringen. Durch die Zusammenarbeit entsteht eine neue Forschungskultur mit besonders guten Chancen, Ergebnisse hervorzubringen, die unser aller Leben verbessern,“ so FWF-Präsident Christof Gattringer bei der Bekanntgabe der neuen Förderprojekte.

FWF bewilligt fünf transdisziplinäre Forschungsprojekte in Graz, Wien und Innsbruck

2019 rief der FWF das transdisziplinäre Pilotprogramm #ConnectingMinds ins Leben. Fünf Teams konnten sich im mehrstufigen Auswahlverfahren durchsetzen und die internationale Jury überzeugen. Sie werden jetzt mit einem Gesamtvolumen von 4,6 Millionen Euro aus Mitteln der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung vom FWF gefördert. Insgesamt beteiligten sich 56 Teams an der Ausschreibung.

Weitere Informationen zur transdisziplinären Forschung: Interview mit dem Vorsitzenden der #ConnectingMinds-Jury Christian Erik Pohl (ETH Zürich)


Die neu geförderten Projekte im Überblick 

Transdisziplinäres Forschungsprojekt „Caring Robots/Robotic Care“

Wissenschaftliche Leitung: Sabine Theresia Köszegi, Technische Universität Wien
Partnerforschungsstätte: Universität Salzburg
Praxispartner: Caritas Wien, Technisches Museum Wien
Fördervolumen: 1 Million Euro | Projektlaufzeit: 5 Jahre

Forschende und Expert/inn/en der Technischen Universität Wien, der Universität Salzburg, der Caritas Wien und des Technischen Museums Wien beschäftigen sich mit der Zukunft der Pflege (von links nach rechts): Doris Kaiser (Caritas Wien), Margrit Gelautz (TU Wien), Christopher Frauenberger (Universität Salzburg), Markus Vincze, Sabine Theresia Köszegi und Astrid Weiss (TU Wien) sowie Jürgen Öhlinger (Technisches Museum Wien).

© FWF/Luiza Puiu

Der Einsatz von Robotern in der Pflege ist ein viel diskutiertes Zukunftsszenario, das unterschiedliche Erwartungen weckt. Künftig wird der Anteil älterer Menschen stark ansteigen. In diesem Zusammenhang besteht einerseits die Hoffnung, dass Roboter Menschen dabei unterstützen können, bis ins hohe Alter ein selbstbestimmtes Leben in ihrer gewohnten Umgebung zu führen. Andererseits ist der Ersatz von menschlichen Pflegekräften durch Roboter mit der Befürchtung verbunden, dass pflegebedürftige Menschen durch das Fehlen menschlicher Kontakte zunehmend isoliert werden.

Ein zentrales Anliegen des Projekts „Caring Robots“ ist es, die möglichen Rollen von Robotern und verwandten Technologien im Kontext der Pflege – mit einem Schwerpunkt auf mobiler Pflege – zu untersuchen. Dies erfordert die fächerübergreifende Untersuchung von Forschungsfragen aus den Bereichen der Robotik, Sozialwissenschaften und Informatik. Besonders wichtig ist die Einbeziehung der Praxis, wie Pfleger/innen, Klient/inn/en, betroffene Angehörige, Interessenvertretungen sowie Öffentlichkeit und Politik. Die Erfahrungen und Anliegen werden in den Entwurf der technischen Lösungen maßgeblich einfließen. Das Projektteam wird theoretische Konzepte entwerfen und dann als Prototypen in realen Umgebungen der stationären und mobilen Langzeitpflege testen. Im Zentrum stehen die Bedürfnisse alter Menschen und jene Faktoren, die einen sinnvollen Einsatz der Robotik in der Pflege ausmachen.

Projektteam:

Sabine Theresia Köszegi (TU Wien, Institut für Managementwissenschaften, Projektkoordinatorin), Margrit Gelautz (TU Wien, Institut für Visual Computing & Human-Centered Technology), Christopher Frauenberger (Universität Salzburg, Center for Human-Computer Interaction), Doris Kaiser (Caritas Wien, Qualität und Innovation Pflege), Jürgen Öhlinger (Technisches Museum Wien, Public Education), Markus Vincze (TU Wien, Institut für Automatisierungs- und Regelungstechnik), Astrid Weiss (TU Wien, Institut für Visual Computing & Human-Centered Technology)


Transdisziplinäres Forschungsprojekt „Open Innovation Nursing Lab“

Wissenschaftliche Leitung: Manuela Hödl, Medizinische Universität Graz
Praxispartner: Caritas Graz-Seckau
Fördervolumen: 557.000 Euro | Projektlaufzeit: 5 Jahre

Forschende der Medizinischen Universität Graz arbeiten zum Thema Pflege eng mit Expert/inn/en der Caritas zusammen (von links nach rechts): Wolfgang Strobl, Hubert Grossmann, Gertraud Krug (alle Caritas), Daniela Schoberer, Doris Eglseer, Manuela Hödl (alle Medizinische Universität Graz), Dusanka Janezic, Franz Pechmann-Ulrich (beide Caritas).

© FWF/Erwin Scheriau

OPINION Lab steht für OPen INnovatIOn Nursing Lab (offenes innovatives Pflegeheim) und basiert auf dem Prinzip der Zusammenarbeit zwischen Pflegewissenschaft und Pflegeheimpraxis, bei dem Forschende aktiv in den Pflegeheimalltag integriert werden. Das Besondere an der Kooperation ist, dass Pflegewissenschaftler/innen, Pflegepersonen, Pflegemanager/innen, Bewohner/innen und deren Angehörige gleichwertig und gleichberechtigt an dem Ziel arbeiten, eine optimale pflegerische Versorgung sicherzustellen. Wissen über und von Bewohner/inne/n wird ebenso wie wissenschaftliche Nachweise, professionelle Fähigkeiten und praktische Erfahrungen miteinbezogen (evidenzbasierte Praxis). Dadurch können Wissensbildung und Anwendungsmöglichkeiten gefördert und ein ganzheitlicher Ansatz der Versorgung geschaffen werden. Ziel ist es, basierend auf den Erkenntnissen die Pflegequalität und die Lebensqualität der Bewohner/innen weiter auszubauen. Darüber hinaus leistet das Projekt einen Beitrag, das Image von Alten- und Pflegewohnhäusern zu erhöhen und als attraktives Arbeitsumfeld zu etablieren.

Projektteam:

Manuela Hödl (Medizinische Universität Graz, Institut für Pflegewissenschaft, Projektkoordinatorin), Doris Eglseer & Daniela Schoberer (Medizinische Universität Graz, Institut für Pflegewissenschaft), Gertraud Krug und Thomas Windhaber (Caritas Graz-Seckau), Dusanka Janezic, Franz Pechmann-Ulrich, Alexandra Drevensek & Wolfgang Strobl (Caritas Pflegewohnhaus Graz St. Peter)


Transdisziplinäres Forschungsprojekt „COwLEARNING for sustainable beef and dairy supply“

Wissenschaftliche Leitung: Marianne Penker, Universität für Bodenkultur Wien
Partnerforschungsstätte: Veterinärmedizinische Universität Wien
Praxispartner: Rinderzucht Austria, Vier Pfoten, Land schafft Leben, Verein regionale Kulinarik, Ernährungsrat Wien
Fördervolumen: 1 Million Euro | Projektlaufzeit: 5 Jahre

Erforschen gemeinsam neue Wege einer tiergerechten, ökonomisch, ökologisch und sozial gerechten Milch- und Fleischversorgung (von links nach rechts): Marianne Penker (BOKU Wien), Daniela Haager (Vier Pfoten), Susanne Waiblinger (Veterinärmedizinische Universität Wien), Stefan Hörtenhuber (BOKU Wien), Fabian Schweiger (Verein regionale Kulinarik), Alexandra Frangenheim (BOKU Wien, Ernährungsrat Wien), Martin Stegfellner (Rinderzucht Austria) sowie Kuh Labella.

© FWF/Luiza Puiu

Zu den größten Herausforderungen der Gesellschaft zählen die Begrenzung der Klimaerwärmung und ihrer Folgen, die Sicherung einer gesunden Ernährung und der Erhalt einer intakten Kulturlandschaft mit hoher Biodiversität. Ein Wandel hin zu einer nachhaltigeren Agrar- und Ernährungswirtschaft spielt für das Erreichen dieser Ziele eine wesentliche Rolle, wobei Nachhaltigkeit auch eine tiergerechte Nutztierhaltung und nachhaltige Konsumpraktiken miteinbezieht. Produktionsseitig waren die Entwicklungen der Rindfleisch- und Milchproduktion in den letzten Jahrzehnten durch Zuwachs, Technisierung, Intensivierung und Höfesterben geprägt. Konsumseitig kam es zu steigenden Verzehrmengen, aber auch vermehrtem Wegwerfen „billiger“ Fleisch- und Milchprodukte.

In einem partizipativen, transdisziplinären Ansatz und unter Einbezug relevanter Interessengruppen sollen Zukunftsszenarien, integrierte Farm-to-Fork-Bewertungen und ein Serious Game entwickelt werden. Auf diese Weise will das Forschungsprojekt Wege finden, wie eine tiergerechtere, ökologischere, ökonomisch und sozial nachhaltigere Milch- und Fleischversorgung garantiert werden kann.

Projektteam:

Marianne Penker (Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Projektkoordinatorin), Susanne Waiblinger (Veterinärmedizinische Universität Wien, Institut für Tierschutzwissenschaften und Tierhaltung), Stefan Hörtenhuber (Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Nutztierwissenschaften), Sabine Hartmann (Vier Pfoten), Carina Schober (Land schafft Leben), Martin Stegfellner (Rinderzucht Austria), Astrid Ruzicka (Verein regionale Kulinarik), Charlotte Kottusch (Ernährungsrat Wien)


Transdisziplinäres Forschungsprojekt „Co-designing perinatal mental health support in Tyrol“

Wissenschaftliche Leitung: Jean Lillian Paul, Medizinische Universität Innsbruck
Partnerforschungsstätten: Universität Innsbruck, Austrian Institute for Health Technology Assessment GmbH
Praxispartner: Frühe Hilfen Tirol, Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Eltern-Kind-Zentrum Schwaz, Innocence in Danger, Pro Mente Tirol, Elternbildung Tirol, Krankenhaus St. Vinzenz Zams und weitere Partner  
Fördervolumen: 1 Million Euro | Projektlaufzeit: 5 Jahre

Wollen gemeinsam jungen Eltern mit psychischen Erkrankungen eine bessere Unterstützung zukommen lassen (von links nach rechts): Jean Paul, Alex Hofer (Medizinische Universität Innsbruck), Noemie Händler-Stabauer (Selbsthilfegruppe-Initiatorin), Sandra Aufhammer (Frühe Hilfen Tirol).

© Foto: David Bullock

Die Idee für dieses Forschungsprojekt wurde maßgeblich durch Erfahrungsberichte von Fachkräften und persönlich betroffenen Eltern in Tirol geformt. Diese haben auf einen Mangel an Unterstützung hingewiesen, der Eltern betrifft, die von psychischen Belastungen bzw. Erkrankungen im Zeitraum rund um die Geburt ihres Kindes betroffen sind.

Jede fünfte Mutter und jeder zehnte Vater ist im ersten Jahr nach der Geburt des Babys von einer psychischen Erkrankung betroffen. Elternschaft kann eine Zeit immenser persönlicher und sozialer Veränderungen darstellen und viele neugewordene Eltern empfinden verstärkt Einsamkeit. Perinatale psychische Erkrankungen stellen die häufigste Komplikation im Zusammenhang mit Schwangerschaften dar. Diese können Einfluss auf Familie und Unterstützungsstrukturen haben sowie entwicklungs- und bindungsbezogene Probleme hervorrufen. Betroffene rechtzeitig zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten kann einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Eltern, Kindern, Familie und das erweiterte soziale Umfeld haben.

Bei den vorbereitenden Workshops ergaben sich drei Handlungsfelder von spezieller Bedeutung: Lücken in der Versorgung, Zugang zu Angeboten und Früherkennung. In dem Projekt zielen Forschende und beteiligte Expert/inn/en darauf ab, psychische Gesundheit und soziale Unterstützung für neugewordene Eltern in Tirol zu verbessern und das Stigma, welches oft mit psychischen Erkrankungen einhergeht, zu verringern.

Projektteam:

Jean Paul (Medizinische Universität Innsbruck, Projektkoordinatorin), Christine Hörtnagl (Medizinische Universität Innsbruck), Astrid Lampe (Medizinische Universität Innsbruck), Anna Buchheim (Universität Innsbruck), Ingrid Zechmeister-Koss (Austrian Institute for Health Technology Assessment GmbH), Sandra Aufhammer (Frühe Hilfen Tirol), Alex Hofer (Medizinische Universität Innsbruck)


Transdisziplinäres Forschungsprojekt „Unlocking the Muse: Transdisciplinary approaches to understanding and applying the intersection of artistic creativity and Parkinson’s disease“

Wissenschaftliche Leitung: Matthew Pelowski, Universität Wien
Praxispartner: ParkinsonsNet, De Nieuwe Creatieven (Niederlande)  
Fördervolumen: 1 Million Euro | Projektlaufzeit: 5 Jahre

Erforschen die Rolle der künstlerischen Kreativität im Umgang mit Parkinson (von links nach rechts): Julia Crone und Matthew Pelowski (Universität Wien), und via Videokonferenz zugeschaltet: Bastiaan Bloem (ParkinsonNet), Ellis Schoonhoven (De Nieuwe Creatieven) und Blanca Spee (Universität Wien).

© FWF/Arne Sytelä

Mit „Unlocking the Muse“ wird das weltweit erste transdisziplinäre Projekt ins Leben gerufen, das die Überschneidung von zwei zentralen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Themen untersucht: den neurobiologischen Grundlagen der künstlerischen Kreativität und der weltweit am stärksten ansteigenden neurodegenerativen Erkrankung, Morbus Parkinson.

Eigentlich sollte diese unheilbare Krankheit neben motorischen und nichtmotorischen Symptomen auch zu einer Reduktion der Kreativität führen. Beobachtungen haben jedoch gezeigt, dass einige Patientinnen und Patienten ein plötzliches Auftauchen oder Wiedererwachen von kreativem Verhalten erleben und über ein erhöhtes Wohlbefinden, bessere Coping-Strategien und eine höhere Lebensqualität berichten. Das Projekt kombiniert auf einzigartige Weise eine neue Perspektive auf patient/inn/enorientierte, individualisierte Interventionen mit innovativer Datenerfassung, crossmodaler Bewertung und Neurostimulationsmethoden. Dies soll ein neues Verständnis der Hirnfunktion bei Morbus Parkinson und einer der komplexesten menschlichen Fähigkeiten bringen: der künstlerischen Kreativität.

Projektteam:

Matthew Pelowski (Universität Wien, Projektkoordinator), Julia Crone (Universität Wien), Blanca Spee (Universität Wien), Bastiaan Bloem (ParkinsonNet), Ellis Schoonhoven (De Nieuwe Creatieven)

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